Digitale Schule und Pandemie

Es ist wieder Zeit! Ein paar Wochen sind ins Land gegangen und ich habe nichts über die Schule meiner Kids geschrieben. Das habe ich nicht getan, weil nun alles super läuft und ich aus lauter Zufriedenheit nicht in der Lage bin mal was Positives zu schreiben, gerne hätte ich das gemacht! Nein, ich habe zähneknirschend die Situation beobachtet und versucht eine gewisse coolness zu entwickeln, einfach um mich nicht gesundheitlich zu gefährden. Das hat bis heute mehr schlecht, als recht funktioniert, aber nun muss es raus!

Es ist nicht der erste Beitrag, in welchem es um diese Schule, die eine weiterführende Schule, ja sogar ein Gymnasium, geht.

Ganz naiv würde ich denken, dass ein Gymnasium die Schüler auf den weiteren Bildungsweg vorbereiten soll und dieser Bildungsweg findet nicht selten an einer Uni statt. Nun nehme ich mir das Recht heraus zu schreiben, dass junge Leute, Absolventen eines Gymnasiums, über gewisse Skills verfügen sollten, um an einer Universität bestehen zu können. Ich kann das beurteilen, da ich eine Universität besucht habe. Mir ist auch bekannt, dass die früheren Fachhochschulen, die damals schon etwas anders, als Unis funktionierten, seit Bologna total verschult sind, aber auch hier werden sich manche Erst-Semester-Studenten schockiert umschauen und realisieren, dass das anders ist, als am Gymnasium. Worauf möchte ich eigentlich hinaus?

Meine Tochter besucht die 11. Klasse, das heißt, sie befindet sich in der Abiturphase und versucht den Lehrstoff so gut es geht mit dem angebotenen Stoff über Distanzlernen zu erarbeiten.

Vor einigen Wochen bekam sie eine Aufgabe übermittelt, die mich an diesem Gymnasium zweifeln ließ. Im Englisch-Leistungskurs bekam sie mitgeteilt, dass sie einen Flyer basteln soll! Die Hauptaufgabe war nicht sprachlich orientiert, nein es sollte gestaltet werden. Das ist vielleicht an einer Schule für Grafik-Design eine gut gewählte Aufgabenstellung, aber ich betone nochmal, es handelt sich um ein Gymnasium, um die 11. Klassenstufe und um den Leistungskurs English. (Das die aus dem Netzt gezogene Vorlage auch noch falsch formatiert war und damit die Anleitung für die Faltung nicht korrekt platziert war, ist etwas, was ich an einer „Digitalen Schule“ wohl einfach akzeptieren muss (*Sarkasmus-Modus off*) Rein sprachlich war diese Aufgabenstellung voll daneben, sie hätte vielleicht in die Unterstufe gepasst.

Heute kam erneut eine Bastelaufgabe im Fach Leistungskurs Englisch. Meine Tochter muss diesmal ein Plakat basteln, A4 mit zwei Bildern und „a lot of text“, was bestimmt in copy and paste ausgeführt wird und den Schülern, die wirklich auf Input in Englisch angewiesen sind, überhaupt nichts bringt, also sprachlicher Anspruch = NULL! Solche Aufgaben sind einem Gymnasium unwürdig! (Und meinem drastischen Schreibstil bin ich mir bewusst!)

Ich schreibe hier wirklich über ein Gymnasium, über die Vorbereitung junger Menschen auf eine Universität. Na hoffentlich helfen die Fähigkeiten, die sich die Schüler mit Basteln erarbeitet haben!

Es geht weiter zum Thema Distanzlernen, Pandemie und Gymnasium:

Der Unterricht, der ja kein Unterricht, sondern fast ausschließlich Selbststudium ist, entspricht in seinem Umfang nicht den Stunden, die in der Präsenz gegeben werden würden (klingt leicht verkorkst meine Wortwahl). Nun würde die Vermutung nahe liegen, dass mit den Stunden, die theoretisch realisiert werden, so umgegangen wird, dass das Optimum herausgeholt werden kann. Irgendwie steht da ein Lehrplan und die Kids sollten zum Schuljahresende zumindest ungefähr das erlernt haben, was gefordert ist. Das nächste Schuljahr muss ja irgendwo anknüpfen oder sollen sich alle mit der Idee anfreunden, die in Berlin ausgegoren wurde: Ein Recht auf Wiederholung des Schuljahres? (Was dazu noch völlig illusorisch ist, da nicht realisierbar.)

Was passiert wohl, wenn sich eine Lehrerin krank meldet? In der SchulCloud  erscheint ein kurzes: „Liebe Klasse 9…, da ich leider krank bin, gibt es vorläufig keine Aufgaben. Viele Grüße xxx xxx“ Es handelt sich um das Fach Deutsch! ein Hauptfach in der 9. Klasse! Im kommenden Schuljahr geht es in die Prüfung, zur Zeit gibt es wenig, was vermittelt wird und nun gibt es gar nichts mehr, zumindest vorübergehend.

Das kann in meinen Augen nicht sein. Ich glaube es einfach nicht, dass jeder Lehrer jede Unterrichtsstunde akribisch und sehr kurzfristig vorbereiten muss. Ich bin mir sicher, dass Lehrer, die viele Jahre Berufserfahrung haben, jeder Zeit auf einen Fundus an Aufgaben zurückgreifen können, um spontan, z.B. im Krankheitsfall die Schüler damit zu versorgen. Das erwarte ich einfach! Nein, was passiert? In einer Zeit, in der die Kids keinen wirklich effektiven Unterricht haben, wird mitgeteilt, dass dieser nun auch noch wegfällt. Die Lehrerin war in der Lage, dies den Schülern per SchulCloud mitzuteilen und es wäre nicht möglich gewesen hier eine Aufgabe mitzusenden? Oder eine Kollegin entsprechend mit einzubeziehen, der Schulstoff ähnelt sich in der gleichen Klassenstufe.

Diese Diskrepanz scheint nur uns aufzufallen. Kein Elternteil und kein Schüler hat nachgefragt (o.k., dass Schüler nicht nachfragen, dass verstehe ich sogar etwas😉). Wir haben bei der Schulleitung erfragt, ob diese Herangehensweise, mit dem Wegfall vieler Unterrichtseinheiten (es ist ja nicht nur die Klasse unseres Sohnes) wirklich so gewollt ist, vielleicht handelt es sich ja nur um ein Missverständnis. Tja, es scheint in der Welt der Lehrer wirklich so zu sein, dass eine Krankschreibung einen von allem entbindet, die Antwort kam in etwa so, dass es schwierig sei einen krankheitsbedingten Ausfall mit einzuplanen. Ganz offensiv: Nein, ist es nicht! Das erwarte ich aber in diesen Zeiten! Niemand verlangt Präsenz, aber Aufgaben in der Pipeline zu haben, dass ist das Mindeste!

Oder bin ich wirklich die Einzige, die diese Ansprüche stellt und es auch noch für absolut gerechtfertigt hält?!

Das war jetzt ein ganz gezieltes Beispiel, welches aufzeigt, wie unsere Kinder regelrecht im Stich gelassen werden. Anders kann ich es einfach nicht mehr nennen.

Ich bin aber noch nicht fertig:

• Es war ausreichend Zeit vorhanden, um sich auf dieses Distanzlernen vorzubereiten, ich meine jetzt für die Lehrer. Wir wurden informiert, dass Konzepte entwickelt werden, dass die Digitalisierung vorangetragen wird, überhaupt, dass alle Lehrer und Schulen gut mit dieser Situation umgehen werden.

• Trotz dieser vielen Monate der möglichen Vorbereitung, ist das, was wir (Eltern und Kinder) erleben, etwas ganz anderes! Die Digitalisierung funktioniert schlecht. In einem Ort in direkter Nähe zur Hauptstadt, ist es ein Unding, dass der DSL-Anschluss des Gymnasiums weiter unterhalb der üblich verfügbaren Bandbreiten dieser Region liegt. Es ist einfach unglaublich, dass eine „Digitale Schule“ nicht mehrere Videokonferenzen parallel durchführen kann. Dieses Problem hätte seit spätestens März 2020 gelöst werden müssen. Eigentlich schon Jahre vorher, da die Thematik Digitalisierung nicht erst mit dem Lock-Down ins Augenmerk hätte rutschen dürfen. Und Bandbreite darf im 21. Jahrhundert für eine Bildungseinrichtung kein Problem sein! Es gibt hier unterschiedliche Lösungsansätze, um dies zu realisieren.

• Das Konzept? Es gibt z.B. keine Informationen, in welcher Art die hochgeladenen Lösungen der Schüler für die Aufgaben bewertet werden. Bewertungsmaßstäbe wären doch in meinen Augen eine sehr wichtige Information, die an die Schüler, aber auch an die Eltern  geteilt werden sollte.

• Natürlich gibt es auch engagierte Lehrer, Lehrer, die keine Angst haben sich einer neuen Herausforderung zu stellen und neue Medien zu verwenden. Aber: Konferenzen meist nur in Audio, dazu nicht nur einmal Probleme dies korrekt zu bedienen. Video fehlt, da Bandbreite zu gering (Digitale Schule). Einige Lehrer scheinen die Funktionsweise des Tools nicht 100%ig zu beherrschen. (Lehrerin an Schülerin: „Als ich die Lerngruppe erstellt habe, warst du nicht online, ich kann dich nicht mehr hinzufügen, da ich sonst die Gruppe löschen muss, also kümmere dich selbst.“ Sehr unwahrscheinlich, dass einer erstellten Gruppe kein Schüler zugefügt werden kann, dann wäre dieses Tool als Konferenztool definitiv ungeeignet.)

• Die Konferenz-Zeiten orientieren sich nicht an den Unterrichtsstunden. Es ist schon heftig von einem Schüler zu verlangen über 90 Minuten die volle Aufmerksamkeit in einer Konferenz aufzubringen, in der nur der Wechsel des Tafelbildes zu sehen ist, alles andere sonst nur Audio. Keine Pause, einfach durchhalten und ich bin mir sicher, die Aufmerksamkeit ist nach 45 Minuten total im Keller.

• Das sind verschiedene Szenarien und es liest sich wie Startschwierigkeiten die ja in jedem Bereich auftreten dürfen, aber es sind einfach mehr als 10 Monate ins Land gegangen, das sind keine Startschwierigkeiten mehr, das ist der Standard.

Ich kann das nur als Versagen der Bildungsbeauftragten betiteln.

Ein anderer Fall:

Da gibt es in der Nachbarschaft einen Jungen, der nun die 2. Klasse besucht. Nach seiner Einschulung war es nur ein gutes halbes Jahr, dass er die Möglichkeit gehabt hätte sich an dieses neue Umfeld zu gewöhnen, zu akzeptieren, dass die Zeit des Spielens nun teilweise durch Lernen ersetzt werden muss, eben einfach in diese neue Rolle hineinzufinden. Das fällt manchen Kindern einfach, anderen nicht. Rückblickend gab es Monate der Präsenz in der Schule aber noch viel mehr Monate zu Hause. Nicht alle Eltern sind in der Lage von jetzt auf gleich die Rolle eine Lehrerin zu übernehmen, aber genau das wurde verlangt. Der Zweitklässler kann bis dato nicht lesen! Und wenn jetzt die Schuld bei der Familie gesucht wird, dann platzte ich. Natürlich kann hier eine Diagnose im Vordergrund stehen (LRS), muss aber auch nicht. Was ich sagen möchte, hier wurden Eltern und Kind komplett im Stich gelassen. Kein Lehrer und das sind die Fachleute kam bis dato auf die Idee nachzuhaken. Ein Gespräch mit den Eltern zu führen, sie darauf hinzuweisen, dass die Schwierigkeiten beim Lesen vielleicht einen Grund haben. Einzig und allein im HA-Heft erscheinen regelmäßig die Empfehlungen „Du musst lesen üben.“ Geht’s noch! Was sind das für Pädagogen, die nicht in der Lage sind gerade in diesen Zeiten Hilfestellung zu leisten, Ideen zu entwickeln, auf die Eltern zuzugehen? Wir haben ja Corona, damit kann alles entschuldigt werden. Ich bin es so Leid diese Aussage zu hören.

Über Kommentare würde ich mich freuen, vielleicht bin ich ja auch DEiejenige, die eine Wahrnehmungsstörung hat und alles viel zu eng sieht!

Hinterlassen Sie den ersten Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

Copy Protected by Chetan's WP-Copyprotect.